ungleichgewichte

 

martin woern,  2001

ungleichgewicht XXXI

2001 10 AP

pigment, acryl, zellulose auf leinwand

100 x 100 cm

 

 

die werkgruppe ungleichgewichte

von peter staechelin

 

 

 

die bilder der werkgruppe ungleichgewichte von martin wörn haben viele gemeinsame merkmale.  die familienähnlichkeit ist offensichtlich.  alle sind sie quadratisch, in sich ruhend.  ihre lineare gliederung ist symmetrisch.  im zentrum steht immer ein kleines, in der mitte geteiltes quadrat aus zwei meist kräftigen farben.  sie sind eingerahmt von einem grund aus zwei verschiedenen grau- oder schwarztönen.  es sind objekte mit deutlicher dicke und materialität, bildkanten und leinwand als farbträger bleiben sichtbar.

 

die lineare symmetrie um eine zentrale senkrechte mittelachse wird durch die setzung der farben aufgehoben, das ungleichgewicht entsteht.  häufig steht dann eine helle gegen eine dunkle form, wechselseitig invers sind zentrum und grund. die symmetrische form ist ein mittel zur konzentration und ruhe, die stille form verweist auf die farben und ihren wechselbezug.  die geometrischen formen sind nicht selbstzweck, sondern vehikel, gestaltungsrahmen. die konstruktion dient der klärung.

 

die farben des grundes, der ausschließlich in grau- und schwarztönen als rahmen des zentrums erscheint, sind farbig neutral und bestimmend für den gesamteindruck der werkgruppe.  die farbe „grenzt nach außen ab“, sagt wörn. ein vergleich der grau- und schwarztöne untereinander zeigt deren feindifferenzierung zwischen hell und dunkel, kalt und warm, bräunlich, grünlich, rötlich. die kontrastspanne kann groß, sogar sehr groß sein oder minimal bis zur wahrnehmungsschwelle.

 

das zentrum dagegen ist der fokus, das aktionsfeld starker, intensiver kontraste bunter farben bis hin zu komplementärpaaren: rot-grün, blau-orange, violett-gelb.  gelegentlich sind die farbpaare bewusst neben der genauen komplementarität. aber auch andere farbpaare tauchen auf: blaugrün-gelbgrün, rot-gelb und vergleichbares. die zentren sind die „brennkammern“, die „ungleichgewichte in bewegung“, wie wörn sagt, immer in korrespondenz zum grund, zum rahmen.

 

martin wörn, 1954 geboren, beschäftigt sich seit 20 jahren mit dem phänomen farbe, auch mit farbtheorien etwa von itten oder albers, die aber in aller regel bei eigenen untersuchungen nicht weiter helfen. wichtig ist ihm dabei der farbkreis, den er als „hintergrund“ und denkmodell“ bezeichnet.  „was ist rot?“, fragt er und antwortet: „rot ist die idee“.

 

farbe bei der eigenen praktischen arbeit ist für ihn das eigentliche pigment, das farbpulver als material, dessen buntheit oder farbigkeit, dessen leuchtkraft, neuigkeit, reinheit und materialität.  für den malprozess mischt er jede farbe neu, bestimmt ihren glanzgrad, ihre farbigkeit, farbtemperatur und intensität.  das farbpulver, das pigment, bezieht er aus der farbmühle.  es ist das ausgangsmaterial, dem er selbst die bindemittel zufügt, zum beispiel acryl. dreißig grundpigmente von grau sind in seinem repertoire, zwölf von schwarz. farbherstellung wird zu einem handwerklichen prozess, der bereits die künstlerische wirkung antizipiert.  aus dem „technischen anlass“, wie er sagt, entsteht die künstlerische aussage und der anlass zur wahrnehmung, mit all ihren möglichen irritationen durch die wechselbeziehungen der farben untereinander und deren bild auf der retina.

 

die oberflächen sind von nicht mehr beschreibbarer subtilität, zart, samtig bis leicht glänzend, fest oder wie hingehaucht, es sind bestandteile einer sicht- und tastbaren wirklichkeit.  farbe und oberfläche der farbe sind empfindungs- und ausdruckswerte: sehen wird zum eigentlichen thema.

 

seine künstlerische arbeit ist von konsequenter radikalität. „farbe und form sind die inhalte meiner malerei“, sagt wörn.

 

 

 

martin woern, 1998

ungleichgewicht XV

1998 07 AP

pigment, acryl, zellulose auf leinwand

145 x 145 cm

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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